**40 Jahre Zartbitter Münster: Unverzichtbare Unterstützung gegen sexualisierte Gewalt**
40 Jahre Zartbitter Münster. Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt bleibt unverzichtbar
Seit 1986 steht Zartbitter Münster Menschen zur Seite, die sexualisierte Gewalt erlebt haben oder davon betroffen sind. Auch Angehörige, Bezugspersonen und Fachkräfte finden an der Hammer Straße Beratung und Unterstützung. „Und das über einen so langen Zeitraum, das ist ein Grund zu feiern“, sagt die Geschäftsführerin Astrid-Maria Kreyerhoff. So ein Jubiläum sei immer etwas Besonderes, so eine lange Zeit, auf die man zurückblicken könne, sagt sie im Gespräch mit der MVZ. „Viele Menschen sagen ja, es wäre schön, es gäbe Euch nicht, dann gäbe es das Thema vielleicht auch nicht“, hört sie oft. „Und andersrum würde ich sagen, da wo Menschen miteinander leben, wird Gewalt und Macht immer ein Problem bleiben, deswegen ist es gut, dass es uns gibt. “ Sie arbeitet seit 32 Jahren bei Zartbitter und geht nächstes Jahr in den Ruhestand. „Die 40 Jahre waren nicht immer einfach. “ „Es war inhaltlich eine sehr herausfordernde Zeit. Es ist deutlich geworden, wie schlimm sexualisierte Gewalt sein kann – für uns Mitarbeitende und für die Betroffenen. “ Auch die Finanzierung stellte immer wieder eine Herausforderung dar. Über all die Jahre unterstützten treue und zuverlässige Spender den Verein, dazu kamen Großspenden wie etwa von der Westfalen AG. Eine höchst willkommene und unverzichtbare Aufstockung der öffentlichen Mittel die Zartbitter an öffentlichen Mitteln (noch) von der Stadt Münster und dem Land NRW erhält.
Zartbitter berät jährlich rund 400 Betroffene in Münster, im Münsterland und bis ins nördliche Ruhrgebiet – vor allem Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren. In den Anfangsjahren waren es 100 Beratungsfälle, die Zahl steigt weiter. „Es ist kein gesellschaftliches Randphänomen, mit dem wir uns beschäftigen“, betonen Rahel Krückels und Dr. Christoph Muck vom Vorstand des Vereins.
Auch Erzieherinnen, Lehrerinnen und Fachkräfte wenden sich mit Fragen zu Verdachtsfällen an Zartbitter. Das Know-how der zehn Mitarbeitenden ist vielerorts gefragt. Für Hilfesuchende bleibt das Angebot kostenlos und voraussetzungslos. Niemand braucht eine Überweisung, die Einrichtung ist persönlich, online und telefonisch erreichbar. Termine für ein Erstgespräch gibt es meist schnell, berichtet Kreyerhoff. Die Beratung umfasst bis zu zehn Stunden, danach vermitteln die Mitarbeitenden an andere Stellen. Bei aller Vertraulichkeit: Wo strafrechtlich relevante Fakten aus Familien bekannt werden, sucht Zartbitter den Kontakt zu Jugendämtern, ergänzt Florian Jung. Kommt es zu Gerichtsverfahren, bietet der Verein Prozessbegleitung an.
In den letzten Jahren sind neue Formen sexualisierter Gewalt hinzugekommen: digitale Kontaktanbahnung, sexualisierte Kommunikation und die Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen im Internet. Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist vermutlich sehr hoch, das tatsächliche Ausmaß sexualisierter Gewalt bleibt unbekannt, so Jung. Das Bundeskriminalamt verzeichnete 2024 bundesweit 16.354 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern. „Die deutlich gestiegene Zahl von Beratungsanfragen zeigt uns, wie wichtig niedrigschwellige und spezialisierte Beratung ist. Sie zeigen auch, dass Menschen heute eher Hilfe suchen und Fachkräfte genauer hinschauen“, sagt Kreyerhoff.
Sie hofft, dass Zartbitter auch in Zukunft ein geschützter Raum bleibt, in dem Menschen Unterstützung finden, ohne bewertet oder infrage gestellt zu werden.
Am Dienstag feiert Zartbitter Münster sein Bestehen mit einem Festtag an der B-Side am Mittelhafen in Münster – mit Grußworten, Rückblick und allem, was dazugehört. (fb)
Vorstand und Geschäftsführung von Zartbitter e.V.: (von re. nach links) Dr. Christoph Muck, Astrid-Maria Kreyerhoff, Rahel Krückels und Florian Jung. Foto: Frank Biermann